Zu Gast bei einer kurdischen Familie

Zu Gast bei einer kurdischen Familie! Die Kurden sind ein Bergvolk. Sie sind das größte Volk auf der Welt, ohne eigenes Land. Das Gebiet welches Kurdistan einnimmt ist aufgeteilt unter dem Iran, der Türkei, dem Irak und Syrien. Seit über 4000 Jahren besiedeln die Kurden diese Gebiete. Das potentielle Land ist in etwa so groß wie Deutschland. 

Ich hatte das Vergnügen Gast bei einer kurdischen Familie zu sein. Damit bekam ich die Chance auf einen Einblick in die kurdischen Traditionen und Kulturen. In Halfeti erhielt ich eine Einladung von Yusuf und seiner Familie. Vorort traf ich auf ihn, einen seiner Cousins, seinen Bruder und Onkel. Sie holten mich ab und es schloss sich eine kleine Sightseeingtour durch Halfeti und seine Altstadt, sowie eine Bootsfahrt auf dem Euphrat an. Durch einen Staudamm steht der Wasserspiegel deutlich höher, sodass ein Großteil der Altstadt und umliegender Dörfer halb oder ganz unter Wasser stehen. Anschließend machten wir uns auf den Weg zu seiner Familie. Ich war schon ganz gespannt, meine Bekanntschaft mit ihnen und ihrer Kultur zu machen. Eines erfuhr ich zu Beginn, als Gast wird man ganz schön verwöhnt.

Die Familie von Yusuf wohnt in einem Dorf, einige Kilometer entfernt von Halfeti. Jeder kennt hier jeden und jeder unterstützt jeden, wie eine große Familie. Ich erinnere mich noch an Deutschland, wo man nicht mal seinem Nachbarn vertraut und man sich gegenseitig eine falsche Freundlichkeit zeigt und sich ebenfalls beiderseitig ausspioniert. Bevor ich das Haus betrat wurde mir nahe gelegt, dass ich mich mit einer langen Hose zu bekleiden habe. Andere Länder, andere Kultur, Religion und Traditionen. Dann betrat ich das riesige Haus. Das Treppenhaus, reichte bis ins Obergeschoss und einzige Geschoss. Darunter ein riesiges Lager, sowie eine Garage. Nachdem ich gefühlt in den dritten Stock gelaufen war, machte ich mich mit seiner Familie bekannt. Full house, eine typische kurdische Großfamilie. 

Pünktlich zum Abendessen nahm ich neben den Herren des Hauses auf dem Dach platz, während die Frauen noch die letzten Vorbereitungen in der Küche trafen. Ich machte es mir bequem auf einem großflächigen ausgerollten Teppich mit einigen Sitzkissen, für mehr Komfort, auf denen traditionelle Muster gestickt waren. Im Schneidersitz oder in einer anderen Position, erinnerte ich mich an das Beweglichkeilstraining in Marokko zurück. Dann wurde schon das fantastische Abendessen aufgetischt. Es gab selbstgemachte Lachmacun. Bei uns unter “Türkischer Pizza” bekannt. Eigentlich kommt das Wort aus dem arabischen und bedeutet in der Übersetzung Fleisch mit Brot. Gefüllt mit verschiedenen Salaten und zusammen gerollt, wird es gegessen. Also Guten Appetit! Hier sagt man übrigens “Afyet Olsen”, allerdings am Ende des Mahls. Bereits voll gefuttert, zwang man mir wiederholt eine weitere Portion auf. Hungern muss hier keiner. Zum Nachtisch gab es dann noch Weintrauben aus dem eigenen Garten. Eine Trinkwasserschale wird mit gelegentlich mit eiskaltem Quellwasser aufgefüllt und herum gereicht, alle tranken aus der selben Schale.

 

Nach dem Essen, leisteten uns die Frauen mit Kindern Gesellschaft. Wir saßen alle noch für einige Zeit zusammen und lernten uns ein bisschen besser kennen. Ich zog den gesamten Abend neugierige Blicke auf mich. Wahrscheinlich sieht man hier einen blonden jungen Mann, mit blauen Augen, nicht alle Tage.

Für ein Wenig Entertainment sorgte Yusuf. Er holte seine Saz, ein traditionelles Seiteninstrument, und spielte zum Abschluss noch ein paar bekannte kurdische Lieder. Er bekam vokale Unterstützung von jedem den der jeweilige Song bekannt war, also von jedem außer mir. Stundenlang hätte ich der Musik zuhören können. Meine Gedanken kamen und gingen, bis diese ganz verschwunden waren und ich mich lediglich auf die gezupften Klänge der Saz fokussierte. Schließlich war ich der einzige mit Yusuf der noch wach war.

Schließlich richteten wir das Bett auf dem Dach her. Üblicher Weise schläft man hier auf dem Dach, da es über die Nacht kühler ist. Wie sich die Schlafqualität erhöht, wenn man direkt unter dem freien Himmel an der frischen Luft schläft. Du wachst mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen auf. Das Klima ist noch kühl und angenehm. Ich fühlte mich pudelwohl. 

Am Morgen lud mich sein Cousin zu sich nach Hause im selben Dorf zum Frühstück ein. Eine Varietee von Gerichten wurde aufgetischt und alles aus eigener Produktion. Käse von den eigenen Ziegen, die mir auf dem Weg zu ihm ins Gesicht meckerten, Eier von den Hühnern, die im Vorgarten herumspazierten und den Honig frisch vom Nachbarn, der noch in den Bienenwaben schlummerte. Was für ein Genuss!

Sie zeigten eine unglaubliche Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Keineswegs übertrieben, als Gast fehlt es hier an nichts. Und dies kommt aus dem tiefsten Inneren, das ist deren Kultur. Und ich bin glücklich ein Gast dieser Familie und aller Familien zuvor und danach gewesen zu sein!

Danke für alles!