Verloren in den Bergen von Georgien

Von Tiflis, der Hauptstadt von Georgien, ging es für Laura, die ich vor ein paar Tagen in Kutaisi kennengelernt hatte, und mich nach Stepanzminda Bevor wir aufbrachen, zog ich mir aufgrund meiner gelegentlichen Tollpatschigkeit eine Verletzung am Fuß zu. Und zwar Riss ich mir die gesamte Haut von meinem großen Zeh ab. Trotz höllischer Schmerzen zwang ich mich in meine Wanderschuhe, dann ging es mit dem Marshrutka, den landesüblichen Mini Bussen, zum Kazbegi, einem 5000m Berg, bei dem ich immer noch am Grübeln bin, ob ich jetzt die Chance nutzen sollte, ihn zu bezwingen. Meinen ersten 5000er!

Zurück nach Kazbegi. Von dort aus starteten wir unsere Wanderung nach Juta, einem Dorf einige Kilometer weit entfernt von unserem momentanen Standort. Wir liefen also mehr als die Hälfte der Strecke bis wir uns entschlossen, den restlichen Weg zu trampen. Es nahm uns erstmals ein LKW-Fahrer für einige Kilometer mit, anschließend eine bunt gemixte Truppe. Der Fahrer aus Georgien, die Beifahrerin aus Russland und auf dem Rücksitz die Chefin der Beiden aus Japan. Sie kam vor ein paar Jahren nach Georgien, um mit ihrem Mann ein Café zu eröffnen.

Sie setzten uns in Juta ab. Auf der Suche nach einer Unterkunft, trafen wir auf einen Bauern der Region. Er brachte uns zu einer Herberge, wo wir uns einquartieren konnten. Wir verbrachten die Nacht dort und brachen früh am Morgen wieder auf. Unser Plan war es, über den Chaukhi-Pass zu wandern, der zwischen Juta und Roshka, unserem Ziel, liegt. Mit meinem Backpack auf den Rücken gespannt, verließen wir die Herberge. Es war eisig kalt, meine Atemluft kondensierte vor meinem Gesicht und ich merkte sofort wie meine Haut auf das kalte Klima reagierte. Die Sonne stieg langsam im Osten hinter dem Chaukhi-Pass empor und die ersten Sonnenstrahlen wärmten meine Haut erfreulicherweise wieder auf. 

Hoch bis auf 3000m, über loses Gestein, Eis und Schnee, brachte mich der Aufstieg mit dem zusätzlichen Gewicht wieder einmal an meine Grenzen. Ohne richtiges Equipment zwang mich die Steigung und der vereiste Hang, den Berg auf allen Vieren zu erklimmen. Endlich oben angekommen, hatten sich alle Quälereien für diesen traumhaft schönen Ausblick gelohnt. Wir konnten in eine endlose Weite schauen. Das Wetter an diesem Tag war perfekt, denn es war keine einzige Wolke am Himmel zu sehen. Der Ausblick bot eine überwältigende Vielfalt von Landschaftsbildern: Alpine Berge mit schneebedeckten Kappen, Täler mit Wäldern in typischen Herbstfarben und einer Seenlandschaft in unterschiedlichen Farben, einmal schimmerte die Seen weiß, dann wieder blau oder grün.

Wir bereiteten uns langsam auf den Abstieg vor. Für mich ist der Talmarsch jedes Mal die Hölle, denn anschließend sind meine Zehen Matsch. Zumal der Abstieg uns diesmal  wie eine Ewigkeit vorkam. Am liebsten wäre ich den Hang runtergerollt, allerdings hätte ich das wohl nicht überlebt. 

Laura hatte einen kleinen Vorsprung, ich verlor sie kurzzeitig aus den Augen. Als ich ebenfalls unten ankam, war sie nicht zu sehen, also machte ich es mir bequem und gönnte mir eine Pause und ein Nickerchen. Als ich aufwachte, war sie immer noch nicht zurückgekommen oder aufzufinden. Ich rief nach ihr. Keine Antwort! Immer und immer wieder. Das Echo wiederholte sich in den Bergen, klar und deutlich. Doch immer noch kein Zeichen. Dann machte ich mich auf den Weg nach ihr zu suchen. Dabei begegnete ich ein paar weiteren Wanderern und sie schlossen sich mir an, um das Gebiet um die drei Seen nach ihr abzusuchen. Nichts! Ich fing an, mir Sorgen zu machen. Ich stellte mir alle erdenklichen Szenarien vor, was passiert sein könnte bzw. wo sie sein könnte. Ist sie etwa verloren gegangen in den Bergen von Georgien? 

Im Gegensatz zu Ihr, war ich vorbereitet, in den Bergen zu schlafen. Zelt und Schlafsack hatte ich dabei.

Das Wahrscheinlichste für mich war, dass sie bis nach Roshka vorgegangen war. Also wanderte ich bis zur Straße und folgte dieser bis zum Dorf. Auf dem halben Weg stoppte ich ein Auto, was mich bis nach Roshka brachte. Hier gab es zwei Herbergen, meinen Überlegungen folgend konnte sie nur dort sein, ich hoffte inständig, dass sich meine Theorie bestätigt. 

Also fragte ich in der ersten Herberge nach ihr. Hier war sie definitiv nicht. Auch in der zweiten Unterkunft sah es so aus. Wenn sie jetzt nicht hier ist, muss ich den Notfalldienst rufen! Dann, nach einigen Kommunikationsschwierigkeiten, überreichte mir der Inhaber sein Telefon. Ich fragte mich, wer da wohl auf der anderen Seite ist. Plötzlich ertönte eine vertraute Frauenstimme. Es war Lauras Stimme. In diesem Moment fiel jegliche Anspannung von mir ab, ebenfalls von ihr, denn sie erlebte die Situation auf die gleiche Art und Weise, denn auch sie ging davon aus, dass ich verloren gegangen sei. Jedenfalls, hielt sie sich in einer Herberge im nächst größeren Dorf auf. Also trampte ich mit einem Vater und seinem Sohn, die ich vorher in der ersten Herberge getroffen hatte, zum nächsten Dorf, denn die Beiden suchten ebenfalls nach einer Herberge. In dem Moment als ich in der Herberge ankam, fielen wir uns gegenseitig in die Arme und waren glücklich, dass es jeweils dem anderen gut ging. 

Glück im Unglück!