Nomadendasein beenden – Auswandern nach Malta?

Nun sind schon beinahe drei Monate vergangen, bereits ein Viertel meiner geplanten Zeit. Als ich mit der Fähre von Sizilien nach Malta übersetzte, kam ich mitten in der Nacht auf der Insel an. Geplant sollte mich mein guter Freund Markus, der vor ca. 2 Jahren nach Malta ausgewandert ist, vom Hafen abholen. Dieser Plan fiel aber gänzlich ins Wasser, denn er tauchte nicht auf. Da ich schon durch meine Erlebnisse in Marokko abgehärtet war, suchte ich mir ein nettes Plätzchen und verbrachte die Nacht im Schlafsack auf einer Parkbank vor einer Kirche.

Am nächsten Morgen, immer noch kein Lebenszeichen von Markus. Irgendwie musste ich jetzt handeln, denn noch eine Nacht wollte ich nicht draußen verbringen, denn es war nass und kalt. Ich stellte also per Smartphone einige Anfragen auf Couchsurfing, schon einige Minuten später hatte sich Patrik, ebenfalls ein deutscher Auswanderer, gemeldet. Bei ihm nächtigte ich auf der Couch, bis ich am nächsten Morgen in meine Airrbnb Unterkunft einzog.

Ich bekam Besuch von meiner Freundin, die ich seit langem nicht mehr gesehen hatte. Wir verbrachten eine wunderschöne Woche zusammen, die Zeit verging wie im Flug.

Während der ersten Tage auf Malta, entschied ich mich, mein Nomadendasein für einen Monat ruhen zu lassen. Dementsprechend suchte ich und fand ein Zimmer in einem Haus, welches ich mir mit vier Französinnen teilte. Wieder alleine, brauchte ich ein paar Tage mich auf Malta einzuleben. Ich suchte sogar nach einem Job und wurde auch relativ schnell fündig. Doch letztendlich gewann mein inneres Bedürfnis, nach einem Monat meine Reise wieder fortzusetzen. 

Anfänglich war jedoch die viele Freizeit und ständig an ein- und demselben Ort zu sein eine große Belastung für mich. Vielleicht auch einfach an einem unbekannten und neuen Ort zu sein. Ich wusste wirklich nichts mit mir anzufangen. Ich habe meine tägliche Beschäftigung eher in die Hände der anderen abgegeben und mich überkam ein Gefühl von Einsamkeit, Langeweile und Traurigkeit. Dazu habe ich das erste Mal meine Heimat wirklich vermisst. Doch als ich verstand, dass ich der Grund meiner Probleme war und ich die Macht besitze, meinen Tag ganz nach meinem Belieben zu gestalten, genoss ich jeden Moment auf der Insel. 

Als Early Bird begrüßte ich die Sonne jeden Morgen mit einem Lächeln. An zweiter Tagesordnung stand ein kräftiger schwarzer Kaffee. Währenddessen ich diesen langsam genoss, schrieb ich meinen täglichen Tagebuchbericht.  Dann stellte ich mir die entscheidende Frage, was möchte ich heute alles ausprobieren und erleben?

Mein Sport fehlte mir sehr, dementsprechend suchte ich mir ein Outdoor-Gym, die direkt an der Promenade zum Meer war.  Der ideale Platz, um den Sport zu genießen und den Kopf von belastenden Gedanken und Gefühlen zu befreien. Schnell machte ich neue Bekanntschaften und fand neue Freunde. Wir organisierten uns als Gruppe und trafen uns seitdem beinahe jeden Tag zum Sport. Wir besuchten zusammen Kurse wie Hot Yoga und Tai Chi, denn ich wollte etwas neues ausprobieren. Wir verbrachten viele tolle Momente zusammen und ich vermisse sie bereits jetzt.

Tai Chi begleitet mich seither. Es ist einfach nur unglaublich was Tai Chi für eine Wirkung auf mich hatte. Man konzentriert sich so auf die Ausführung der einzelnen Bewegungen, dass man alles um sich herum komplett vergisst. Auch wenn es leicht aussieht, wird einem relativ schnell warm. 

Und im Nachhinein fühlt man sich locker, leicht und ausgeglichen. Der Kopf ist wie freigeblasen. Ich hoffe ich bekomme in China die Möglichkeit, Tai Chi auf eine traditionelle Art und Weise von einem richtigen Meister zu lernen.

Auf Malta entdeckte ich ebenfalls das Wandern noch mehr für mich, es wurde zu meiner täglichen Beschäftigung. Einmal von Norden nach Süden 45 km in 11 Stunden wandern oder von Osten nach Westen entlang der Victoria Lines. Ohne Smartphone oder anderem unnützen elektronischen Kram, nur mit einem Buch als Wegbegleiter. Was für eine Freiheit mal nicht auf das Smartphone zu schauen. Ich konnte also meine volle Aufmerksamkeit auf die Stille und Schönheit der Natur richten. Einfach herrlich! Da merkt man wie viel man verpasst, wenn man in seinem Alltag wie ein Zombie die ganze Zeit vor dem Bildschirm hängt und darauf herum tippt.

Auf meiner Reise nutzte ich Couchsurfing unzählige Male. Ich genoss die Gastfreundschaft vieler Leute und bin dafür auch unendlich dankbar. Jetzt da ich einen festen Standort hatte, wollte ich etwas zurückgeben. So kam es dazu, dass ich Annet, eine Architektin aus Deutschland, kennenlernte und für ein paar Tage bei mir beherbergte. Ich zeigte ihr Malta und entdeckte selber noch einige neue Orte. Es war ein schönes Gefühl mal der Host zu sein und auf einer gewissen Art und Weise etwas zurückgeben zu können.

Man zieht das an, was man ausstrahlt.

So hatten Annet und ich viele gleiche Ansichten vom Leben und konnten unter anderem unsere Reisegeschichten austauschen. Man lernt so viel von anderen Menschen, wenn man es nur möchte und aufmerksam ist. Danke, dass ich dich kennenlernen durfte und für meine erste tolle Host-Erfahrung.

Eines meiner schönsten Erlebnisse hatte ich auf Malta am Ostersonntag. Max aus Russland, den ich bei einem CS Event kennengelernt hatte, schrieb mich am Morgen an, er schlug vor, sich mit koreanischen Freunden zu treffen und zu kochen. Jeder sollte eine oder mehrere traditionelle Gerichte aus seiner Heimat mitbringen. Da ich anfangs dachte, genug Platz zu haben, bot ich meine Küche an.

Abends trafen wir uns und aus den angekündigten zwei Leuten, wurden dann zwölf aus unterschiedlichen Ländern, wie Frankreich, Korea, Russland, Spanien, Belgien, Holland, Italien und meine Wenigkeit aus Deutschland. Es entwickelte sich zu einem großen interkulturellen Festmahl. Der Platz in der Küche reichte nicht aus und das Besteck wurde ebenfalls knapp. Unsere Lösung: einige mussten ihre Nudeln mit Löffel essen und andere ihre Suppe mit Gabeln.

Trotzdem herrschte eine super Atmosphäre und wir lachten viel. Jeder wurde zum Schluss satt. „Introduce yourself“, jeder stellte sich nach dem Essen vor. Dann folgten weitere Fragen wie zum Beispiel: „Was ist bis jetzt deine schönste Erfahrung hier auf Malta? Oder wen würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen und warum?“

Es war genau die richtige Entscheidung auf Malta für längere Zeit zu bleiben. Ich habe viel über mich selber gelernt, neue Leidenschaften entdeckt und Freundschaften geschlossen. Ich fühlte mich auf der Insel fast zu wohl, denn ich bin beinahe geblieben.

Der Monat ging leider auch viel zu schnell vorbei. Für mich hieß es auf Wiedersehen zu sagen und meine Reise nach Thessaloniki in Griechenland fortzusetzen. Leider mit dem Flugzeug, denn ich konnte auf Malta kein Boot finden, auf dem ich hätte übersetzen können.