Der heilige Wein

Mein Freund Ensar, den ihr bereits in meinen vorherigen Erzählungen kennengelernt habt, gab mir folgende Quest auf. Diese lautete folgendermaßen:

 

„Besuche das Apostolos Andreas Kloster an der nördlichsten Spitze Zyperns. Mache dort Fischersmann Mustafa ausfindig. Erwähne meinen Namen und sage, dass du ein guter Freund von mir bist. Frage ihn nach seinem selbstgemachten Wein. Er wird dir welchen aus dem Weinvorrat des Klosters geben. Dies sind nicht nur irgendwelche Weine. Diese sind ganz speziell. Ich nenne sie: „Die heiligen Weine“.

 

Dies klang zu verlockend, als mir diese Erfahrung durch die Finger gehen zu lassen. Ich nahm also die Quest an. 

Meine erste Herausforderung war es, ein Zelt und einen Schlafsack zu organisieren, denn es würde darauf hinauslaufen, am Golden Beach mein Zelt aufzuschlagen und die Nacht dort zu verbringen. Nach einiger Recherche bekam ich von einer Freundin von Deniz, einem jungen Mädchen, das ich in der Türkei während meiner Reise kennengelernt hatte und die mich hier auf Zypern während meines Aufenthaltes dort aufnahm, einen Schlafsack. Über Couchsurfing organisierte ich mir ein Zelt und eine Isomatte. Gut ausgestattet machte ich mich auf den Weg. Zelt und Isomatte musste ich mir noch in Girne abholen. Dies lag allerdings auf meiner Route. Mohammed, den ich beim trampen kennenlernte, fuhr mich dorthin. Eine Stadt an der Westküste Nord Zyperns, nicht weit weg von Lefkosa. Abood, ein Bekannter vom Couchsurfing, stattete mich aus und schon war ich auf dem Weg Richtung Norden, zum Golden Beach und dem im Quest erwähnten Kloster. Wieder mit Mohammed, denn er bot mir an, mich bis zu einem Strand in der Nähe von Turtle Bay Village zu bringen. Als ich ankam, ging bereits die Sonne unter. Ich musste mich also beeilen, mein Zelt aufzubauen. Ich stellte es am Rand einer Klippe auf, mit einem perfekten Ausblick auf das Meer und die Strandbucht. Einfach nur traumhaft!

Ein Problem deutete sich schon beim Aufbau des Zeltes an. Der Regenschutz war nämlich defekt, sollte es anfangen zu regnen, würde das Wasser durch den Haupteingang des Zeltes tröpfeln. Also hoffte ich für die Zeit meines Abenteuers, auf dem Trockenen zu sitzen. Ich hatte mein Dinner, Kichererbsen in Tomatensoße und Reis, welches ich vorher im Supermarkt besorgt hatte und genoss beim Essen den Sonnenuntergang mit seinen vielfältigen Farben am unendlichen Horizont über dem mediterranen Meer. Irgendwann machte ich es mir im Zelt bequem und widmete mich meiner Lektüre, von Seite zu Seite die ich in meinem Buch las, wurde ich immer müder, bis mir meine Augen endgültig zu fielen.

 

Am nächsten Morgen wurde ich durch einen unvergesslichen Sonnenaufgang geweckt, die Sonnenstrahlen sagten: „Guten Morgen“, als sie wärmend durch das Moskitogitter in das Zelt auf mein Gesicht fielen und mich sanft weckten. Langsam alles zusammengepackt, ging meine Reise weiter. Ich landete mehrmals im Nirgendwo, doch letztendlich stoppte immer ein Auto für mich. Ich fuhr mit einer Vielzahl von Autos, bis ich mich schließlich auf den letzten Kilometern zum Kloster befand. Denis aus Litauen, nahm mich den Rest des Weges mit. Auf dem Weg wurden wir noch kurz von wilden Eseln, die in diesem Teil der Insel leben, aufgehalten. Diese errichteten nämlich eine Straßensperre. Erst nach erfolgreicher Fütterung der Esel, ließen diese uns passieren. Auch wenn sie nicht genug bekommen konnten. Wir hatten zum Glück Karotten und Bohnen dabei.

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Endlich war ich am Apostolos Andreas Kloster, dem zweit ältesten orthodoxen Kloster, welches mehr als 1000 Jahre alt ist, angekommen. Das Älteste steht übrigens im heutigen Kosovo. 

Jedenfalls machte ich mich dort auf die Suche nach Fischersmann Mustafa und fragte den Priester, sowie weitere Einheimische. Schnell fand ich heraus, wo ich Mustafa finden konnte. Und endlich fand ich ihn auch. Er kam gerade vom Meer mit seinem Boot zurück und hatte hoffentlich einen großen Fang zu verkünden. So deutete ich jedenfalls sein Lächeln im Gesicht. Ein Fisch nach dem anderen fummelte er aus seinen Netzen. Darunter hatte er unzählige Feuerfische, Rotbarsche, Doraden und sogar zwei riesige Stachelrochen. Als er seine Arbeit zufrieden erledigt hatte, stellte ich mich ihm vor. Erst erinnerte er sich nicht an unseren gemeinsamen Freund Ensar, doch als ich ihm ein Foto von ihm zeigte, ging ihm ein Licht auf. So lud er mich herzlichst zum Abendessen ein, stattete mich mit einer Flasche des heiligen Weins aus und fuhr mich sogar noch zum Golden Beach zurück. Er ist kein Mann großer Worte, dafür sprechen seine bedingungslosen Taten. Am Strand angekommen, sah ich den wundervollsten Sonnenuntergang, den ich bisher jemals gesehen hatte. Die Sonne in blutroter Tönung und von immenser Größe, wie ich sie zuvor noch nie erblickt hatte, war kurz davor langsam am Horizont zu verschwinden. Immer noch kann ich mir den Moment vor meinen Augen vorstellen. So hat sich das Bild bei mir eingebrannt. 

Als mein Zelt aufgebaut war, bekam ich plötzlich Gesellschaft. Ein Hund mit braun schwarzem Fell in der Größe von Nelly, meinem Golden Retriever, der uns letztes Jahr leider verlassen hat, begrüßte mich. Wir spielten zusammen am Strand. Ich öffnete die Flasche Wein. Am liebsten hätte ich sie mit jemanden geteilt. Der Hund Namens Bruno, so nannte ich ihn, wollte nichts abhaben. So trank ich Schluck für Schluck die Flasche des heiligen Weins aus, während ich am Strand saß oder entlang spazierte, während am Himmel ein Stern nach dem anderen aufblitzte. So viel Schönheit und Einzigartigkeit bietet die Natur. Kein Kinofilm der Welt könnte mich gleichermaßen vom Hocker hauen. Bruno wich mir seitdem wir uns getroffen hatten nicht mehr von der Seite. Der Wein zeigte langsam seine heilige Wirkung bei mir.

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Als ich mich in meinen Schlafsack gekuschelt hatte, machte er es sich ein paar Meter von meinem Zelt bequem. Um zwei Uhr morgens wachte ich auf. Ein Schauer überkam mich. Ich hatte das ungute Gefühl, dass es gleich zu regnen beginnen würde. So kam es auch. Ich versuchte das Zelt mit allen Mitteln trocken zu halten, doch der Sturm wehte es mit Leichtigkeit aus der Verankerung. Nur der Punkt, an dem ich saß, war noch mit dem Boden in Kontakt. Das Zelt war also kurz davor wegzufliegen und ich stand kurz vor der Überschwemmung. Nach vier Stunden hatte ich den Kampf gegen den Sturm endlich gewonnen. Das Wetter beruhigte sich langsam und die Regenwolken verzogen sich. 

 

Bruno wartete schon auf mich. Er war komplett trocken. Er hatte wohl einen Unterstand gefunden. Im Gegensatz zu ihm war ich wohl an seiner Stelle der nasse Hund. So setzten wir uns in den Sand und teilten das Frühstück miteinander. Ich nahm ein Bad im Meer, packte dann meine Sachen und genoss noch einige Stunden in Einsamkeit und Harmonie am Strand, bis ich mich auf den Rückweg machte.

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